In einem aktuellen Blogbeitrag auf der Seite des Harvard Business Managers (http://bit.ly/i8RL4L) rüttelt die Managementberaterin Dorothee Echter an den Grundfesten der Managementkultur: Manager müssten nicht authentisch sein, so ihre Ansicht, wünschenswert wäre vielmehr eine „selektive Authentizität“. Was wie ein Bruch mit gemeinhin akzeptierten Managementregeln anmutet, entpuppt sich eher als ein begriffliches Problem. Es macht allerdings auch deutlich, dass es Managern nicht immer leicht fällt, authentisch zu sein und überhaupt zu begreifen, was die eigene Authentizität ausmacht.
Authentisches Verhalten zeichnet sich durch Konsistenz aus: Es ist in sich stimmig; Worte und Taten passen zusammen. Authentizität macht berechenbar und zahlt insofern auch auf die von Managern erwartete Anforderung ein, Orientierung zu stiften. Daher ist Authentizität eine Grundbedingung für Glaubwürdigkeit. In dem Buch „Das Glaubwürdigkeitsprinzip“ wird dies genauer beleuchtet. Authentisches Managementverhalten bedeutet zunächst ganz simpel, sich selbst und den eigenen Prinzipien treu zu sein. Eine Rolle zu spielen, die nicht der eigenen Natur entspricht, führt selten zu nachhaltigem Managementerfolg. Wenn mit fehlender Authentizität Widersprüche im Verhalten zu Tage treten, führt dies eher zu Verwirrung und zu Vertrauensverlust bei Zielgruppen und Stakeholdern. Dass es im Managementalltag angesichts kollidierender Interessen nicht immer leicht und selbstverständlich ist, die eigene Natur und die eigenen Überzeugungen mit dem erwarteten Managementverhalten in Einklang zu bringen – und der Weg dahin, oftmals einen Lernprozess voraussetzt – steht auf einem anderen Blatt. Authentizität beinhaltet im übrigen auch Konsequenz – und damit die Bereitschaft, die Konsequenzen zu ziehen, wenn sich das eigene Managementnaturell und die Managementanforderungen nicht vereinbaren lassen.
Irreführend scheint es mir aber, den Begriff „authentisch“ mit „unbeherrscht“ gleichzusetzen, wie es im Eingang des Blogbeitrags indirekt unterstellt ist. „Die Forderung ist immer wieder zu hören: Manager sollten (ergänze: im Sinne ihrer Authentizität) Emotionen zeigen und ihre Persönlichkeit ungefiltert wirken lassen.“ Die Verwechslung der Begriffe „authentisch“ und „unbeherrscht“ kann allerdings manch seltsames Managementverhalten erklären, das wir im letzten Jahr beobachten konnten. Ist zum Beispiel der Wutausbruch von Minister Schäuble gegenüber seinem ehemaligen Pressesprecher authentisch oder unbeherrscht – oder unbeherrscht und deswegen authentisch? Es ist hilfreich, beide Begriffe klar zu trennen: die Anforderung eines in sich stimmigen, den eigenen Überzeugungen treu bleibenden Verhaltens einerseits, und die Selbstbeherrschung als Grundregel manierlichen Entscheiderverhaltens andererseits.
Auch die Aussage im Blog, dass die Grenze zwischen „authentisch sein“ und „berechnend sein“ nicht immer leicht zu erkennen sei, führt etwas in die Irre. Im Spannungsfeld stehen vielmehr die Begriffe „authentisch“ und „berechenbar“. Wer berechenbar ist, zeigt Mut und Größe, wird – gefühlt – aber bisweilen auch angreifbar. Daher ist Berechenbarkeit für Manager und Unternehmen ein ambivalentes Thema. Dass aber jeder, der als Entscheider öffentliche Aufmerksamkeit findet und die Wirkung seiner Person und seines Auftritts sorgfältig im Blick behalten muss, „berechnend“ ist, ist aus meiner Sicht selbstverständlich und berührt nicht im Mindesten seine Authentizität. Berechnend (anstatt “berechenbar”)zu sein, bedeutet strategisch zu denken, und ist ein positiver Begriff.
Fazit:
- Top-Manager müssen im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit authentisch sein.
- Top-Manager müssen sich in angemessener Selbstbeherrschung üben. Aber dies hat nichts mit Authentizitätsverlust zu tun.
- Top-Manager müssen die Wirkung ihres Auftritts sorgfältig berücksichtigen und im positiven Sinne „berechnend“ sein.
Ich vermute allerdings, dass die Autorin des zitierten Blogbeitrags genau das gemeint hat.








Hallo Herr Griepentrog!
Gratuliere zu diesem sehr treffenden Kommentar auf einen doch recht kontroversiellen HBM-Artikel!
Grüße aus Wien
Robert Heinze
Lieber Herr Heinze,
recht herzlichen Dank für Ihre zustimmenden Zeilen. Wenn ich die letzten Jahre als Berater und auf Konzernseite Revue passen lasse, komme ich zu dem Schluss, dass die Wahrung der eigenen Authentizität tatsächlich eine der größten Herausforderungen für Top-Manager darstellt und diese Anforderung oft missinterpretiert wird. Auch wegen des vielfach erwarteten “Rollenspiels”. Neben der Authentizität ist allerdings auch die Betrachtung der Managerpersönlichkeiten selbst ein interessanter und bisweilen hinterfragenswerter Aspekt. Schließlich ist Authentizität in Verbindung mit Persönlichkeitsdefiziten auch kritisch.
Viele Grüße,
Wolfgang Griepentrog
Guten Abend,
ich finde Ihr Fazit ist eine gute Erweiterung zu dem Blog im HBM. Durchaus die Aussagen nochmal auf den Punkt gebracht.
Danke,
Christian Lins
Hallo Herr Lins,
danke. Ich freue mich, dass Sie das so sehen, zumal ja zumindest ein Diskussionsteilnehmer im HBM-Blog (debonoo) zeigt, dass nicht jeder die Anforderung, authentisch zu sein, ernsthaft begreift. Ich finde, dass Manager in puncto Authentizität keine Kompromisse eingehen können.
Viele Grüße,
Wolfgang Griepentrog
Hallo Herr Griepentrog,
da möchte man ja wieder an Sheldrakes morphogenetische Felder glauben bei dieser Koinzidenz unseer Blogbeiträge. Mein Artikel zu dem Thema geht ja in die gleiche Richtung. Sogar das Schäuble-Beispiel haben wir beide verwendet.
Wäre schön, wenn Dorothee Echter auf Kommentare antworten würde, ob sie die Unterscheidung, die Sie richtigerweise treffen, auch so sieht.
Herzlichen Gruß
Roland Kopp-wichmann
Hallo Herr Kopp-Wichmann,
ja, die Beiträge sind wirklich in gleichem Geiste. Und für mich ist das mal ein Anlass, Ihnen ein grundätzliches Kompliment auszusprechen für Ihr substanzielles und Gewinn bringendes Blog-Engagement, nicht nur auf http://www.persoenlichkeits-blog.de/.
In der Tat wäre es schön, wenn der HBM-Manager oder Frau Echter einmal nachlegen würden. Das Thema “Authentizität” ist zu wichtig, um nur angerissen zu werden. Es ist eigentlich ein Top-Top-Management-Thema.
Viele Grüße,
Wolfgang Griepentrog
Merkwürdig: Eigentlich hätte ich gedacht, dass in den letzten Tagen, die so richtig zeigen, wie sich jemand um den letzten Rest von Glaubwürdigkeit bringt, ein Diskussionsfest in diesem Blog stattfindet. Einen besseren Beweis für die Wichtigkeit des Glaubwürdigkeitsprinzips gibt es doch nicht wie der Blick auf die Demontage eines Politikers, der selbst dafür gesorgt hat, dass viele ihm plötzlich nichts mehr glauben.
Lieber Herr Dr. Piel, Sie haben völlig Recht, Sinn und Nützlichkeit des Glaubwürdigkeitsprinzips zeigen sich gerade im Fall Guttenberg deutlich. In der neuen Xing-Gruppe “Glaubwürdige Kommunikation”, deren inhaltliche Grundlage das Glaubwürdigkeitsprinzip darstellt, ist das Thema von Tasso Enzweiler aufgegriffen worden. Dass es hier in diesem Blog (und auch auf Facebook)noch keine Diskussionswelle gibt, obwohl Guttenberg die beste Vorlage bietet, zeigt auch, wie schwer es ist, den gesellschaftlichen Diskurs über Glaubwürdigkeit, Werte, (bekannte und immer wieder verkannte) Medienmechanismen etc. zu forcieren. Das ist aber gerade eine Motivation dafür, das Glaubwürdigkeitsprinzip konsequent aus den verschiedenen Praxisperspektiven und hier im Blog, in anderen Blog-Beiträgen, auf Twitter, Xing und Faceboll zu beleuchten.
Konkret kann man aus dem Fall Guttenberg folgendes lernen:
1. Nur Ehrlichkeit hilft, d.h. Fehler müssen sofort und 100-prozentig zugegeben werden. Das ist bis heute nicht geschehen, denn der Verweise auf Fußnoten lenkt konsequent davon ab, dass Zitate natürlich im Text kenntlich gemacht werden müssen.
2. Nur Mut hilft.
3. Wer in prominenter Funktion verantwortungsbewusst agiert, muss Maß halten. Ich vertrete die These, dass die Kundus-Show der Guttenbergs die Suche nach persönlichen Schwachstellen forcierthat. Und Schwachstelle wird man bei jedem Menschen finden.
4. Nur Professionalität zählt, das heißt die professionelle Erfüllung von Stakeholder-Erwartungen. Guttenberg durch seine Ignoranz gegenüber der Bundespressekonferenz unprofessionell gehandelt.