Glaubwürdigkeit und Verbrauchervertrauen in der Lebensmittelwirtschaft: Warum wir den Wert von Lebensmitteln nicht schätzen

Wieder ein Lebensmittel-Skandal. Diesmal: Dioxin in Eiern. Schlagzeilen und Berichte in den Medien, hier Betroffenheit, dort reflexmäßige Empörung derer, die Lebensmittel ohnehin (und bisweilen auch berufsmäßig) zum größten Lebensrisiko erklären. Wieder einmal hat eine ganze Branche den Schwarzen Peter. Was ich bei all dem vermisse, ist Nachdenklichkeit. Reflexion über Bedeutung und Wert eines elementaren Teils unseres Lebens: über Lebensmittel.

Vorweg gesagt: Kriminelle Machenschaften im Lebensmittelbereich sind besonders schlimm und müssen bestraft werden. Verbraucher müssen ich auf die einwandfreie Qualität von Lebensmitteln verlassen können, denn sie können sie nicht nachprüfen. Festzuhalten ist aber auch: Unternehmen und Behörden arbeiten national und europaweit eng zusammen, um die Qualität von Lebensmitteln und die Sicherheit der Verbraucher zu gewährleisten. Selbst höchste Standards können aber nicht verhindern, dass es trotzdem – wie in anderen sensiblen Branchen auch – hin und wieder zu Qualitätsvorfällen kommt. Der jüngste Dioxin-Skandal zeigt, dass es selbst besonders streng kontrollierte Lebensmittel wie Eier treffen kann. Dass das Verbrauchervertrauen in diesem Moment erschüttert wird, ist selbstverständlich.

Das Tragische: Die Lebensmittelwirtschaft bleibt seltsam passiv. Sie verharrt in der Buhmann-Rolle. Und der Verbraucher? Er ist verunsichert und verzichtet ein bisschen (aber nicht sehr lange, denn niemand will langfristig auf Eier verzichten). Zurück bleibt ein gewisses Misstrauen gegenüber Nahrungsmitteln. Warum ist das so?

In der modernen Überflussgesellschaft haben die Verbrauer ein weitgehend unreflektiertes Verhältnis zu Lebensmitteln. Gute Qualität zum kleinen Preis wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Vor allem Grundnahrungsmittel müssen billig sein, denn „einwandfrei sind sie ohnehin“, so die allgemeine Einschätzung. Und über geschmackliche Qualität und Ansprüche lässt sich bekanntlich streiten. Kaum jemand schätzt den Wert unserer Lebensmittel und den großen Aufwand, mit dem die Nahrungsmittelwirtschaft die Erwartungen der Konsumenten jeden Tag aus Neue zuverlässig erfüllt. Der positive Wert von Lebensmitteln ist im Großen und Ganzen kein Thema. Große Kampagnen, die eindrucksvoll vermitteln, was Lebensmittelproduzenten eigentlich leisten und welche gesellschaftliche Bedeutung die Branche hat: Fehlanzeige. Stimmen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich nicht nur zu Skandalen erheben, sondern auch einmal die Aufmerksamkeit auf Wertschöpfung und Bedeutung unserer Nahrungsmittel lenken: ebenfalls Fehlanzeige.

Als Verbraucher haben wir uns an negative Äußerungen und Forderungen zu Lebensmitteln gewöhnt, an die Kritik von ihren Rezepturen, ihrer Herstellung oder ihrer Vermarktung. Sehr oft geht es dabei nicht um „echte“ Skandale, wie aktuell bei Dioxin in Eiern, sondern um geplante und bewusst initiierte Darstellungen professioneller Kritiker. Ihre (durchaus wichtige) Arbeit führt dazu, dass gemeinhin nur negativ über Lebensmittel berichtet wird. Und selbst die stetig wachsende Gruppe der Verbraucher, die als Anhänger eines bewussten, nachhaltigen Konsums gute Lebensmittel durchaus wertschätzen, helfen mit der Polarisierung von „gesunden“ und herkömmlichen Lebensmitteln der Branche nicht. Nahrungsmittel als wertvolles Gut: das ist kein Gegenstand im gesellschaftlichen Diskurs.

Stattdessen dominieren die Werbe- und Markenbotschaften der Industrie. Sie stellen Produktvorteile heraus: Aber vermitteln sie den Wert von Lebensmitteln? Wünschenswert wäre ein übergreifendes, aufklärendes Engagement der Branche und ihrer Institutionen, insbesondere auch der Verbände, mit dem das gesellschaftliche Bewusstsein für den positiven Wert von Lebensmitteln gefördert wird. Wünschenswert wäre eine Kampagne, die über die Wettbewerbsgrenzen hinweg zeigt, was die Lebensmittelwirtschaft leistet und welchen Wert ihre Produkte darstellen. Dann würden vermutlich auch Qualitätsvorfälle künftig differenzierter betrachtet werden.

Wichtig wäre zudem, dass auch Verbraucherschutzorganisationen nicht nur warnen (und damit bisweilen eher verunsichern), sondern ihre hohe Professionalität im Management von Medienkampagnen für die differenzierte und faire Auseinadersetzung mit dem Wert von Lebensmitteln nutzen. Und auch in den Schulen sollte das Thema aufgegriffen werden. Nicht nur der Wert von Lebensmitteln, sondern auch der richtige Umgang mit Nahrungsmitteln sollte Schülern vermittelt werden.

All dies würde helfen, das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit der Lebensmittelindustrie zu stärken. Impulse zum Nachdenken über dieses breites Spielfeld finden Sie auch im Buch „Das Glaubwürdigkeitsprinzip. Hier werden in zwei Expertenbeiträgen die Grundbedingungen für eine hohe Glaubwürdigkeit in der Lebensmittelwirtschaft und im Handel beleuchtet.

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